18.03.2021

Corona-Krise trifft Wirtschaft im Norden unterschiedlich

Die Corona-Krise hat in den norddeutschen Bundesländern Schleswig-Holstein und Hamburg deutliche wirtschaftliche Spuren hinterlassen. Das jeweilige Bruttoinlandsprodukt ist eingebrochen. Eine erstmalige Auswertung zeigt aber deutliche Unterschiede zwischen diesen zwei Bundesländern und den Branchen. Gemeinsam mit der NORDAKADEMIE-Stiftung hat das IfW Kiel ermittelt: Die Hilfsprogramme für die Unternehmen sind nicht in jedem Fall zielführend.

Die Professoren Georg Plate, Kerstin Fink und Daniel Graewe (NORDAKADEMIE) mit Prof. Gabriel Felbermayr (IfW Kiel); v.l.n.r. © IfW Kiel - Michael Stefan

Neuigkeiten zum von der NORDAKADEMIE-Stiftung geförderten Projekt "Norddeutschland und die Corona-Krise: Wirtschaftliche Folgen und wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf"

Während sich Hamburgs Wirtschaftsleistung nach vorläufigen Ergebnissen wie im Bundesdurchschnitt entwickelte, wies Schleswig-Holstein zumindest im ersten Halbjahr 2020 den geringsten Rückgang aller Bundesländer auf. In diesem unterschiedlichen Abschneiden spiegeln sich strukturelle Unterschiede wider, von denen Schleswig-Holstein anders als Hamburg in der Krise profitieren konnte. Das zeigt eine vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) in Kooperation mit der NORDAKADEMIE-Stiftung erstellte Studie. Sie zieht die erste umfassende und auf empirischen Daten basierende Zwischenbilanz der wirtschaftlichen Folgen und der Hilfsprogramme in der ersten Phase der Corona-Krise für die beiden Bundesländer.

Unterschiedliche Wirtschaftsstruktur wirkt sich aus

Im ersten Halbjahr 2020, als es den heftigsten Einbruch der Wirtschaftsleistung wegen der Corona-Krise gab, verzeichnete unter den Bundesländern Schleswig-Holstein mit einem Minus von 3,8 Prozent den geringsten Rückgang. Hamburgs BIP sank dagegen deutlich stärker um 6,6 Prozent, was dem Bundesdurchschnitt entsprach. „Allerdings haben die durch die Krise verursachten Störungen von Angebot und Nachfrage in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich gewirkt. Die Intensität der Schäden variierte, und es gab nicht nur Verlierer“, sagte Klaus Schrader, einer der Autoren der Studie und Leiter des Bereichs Schwerpunktanalysen am IfW Kiel.

 

„Diese Branchenunterschiede sind auch der Grund für die auseinanderlaufende Gesamtentwicklung der beiden strukturell sehr unterschiedlichen Bundesländer: Der Industriemix in Schleswig-Holstein war weniger krisenanfällig. In Hamburg ist die Vielfalt der Branchen kleiner und entsprechend waren die Auswirkungen grösser,“ sagte Henrique Schneider, Professor für Volkswirtschaftslehre an der NORDAKADEMIE.

Teile des Einzelhandels in Schleswig-Holstein stark betroffen

In Schleswig-Holstein war die Umsatzentwicklung in den besonders von der Krise betroffenen Wirtschaftsbereichen 2020 sehr heterogen. Die Bereiche des Gastgewerbes waren mit einem Umsatzrückgang von mehr als 20 Prozent im Vorjahresvergleich bis zum Oktober die größten Verlierer, konnten aber immerhin bis zum Jahresende noch den Schaden begrenzen.

Das Verarbeitende Gewerbe wies bis zum November zwar ebenfalls ein Minus auf, das mit knapp 6 Prozent aber wesentlich geringer ausfiel. Bundesweit hat sich das Verarbeitende Gewerbe nach dem Einbruch im Frühjahr bis zum Jahresende gefangen.

Im Einzelhandel waren die Branchen mit Bekleidung, Schuhen und Lederwaren sehr schwer getroffen – ihr Umsatz schrumpfte zu Beginn der Pandemie in einzelnen Monaten um bis zu 80 Prozent im Vorjahresvergleich. Trotz zwischenzeitlicher Lockerungen verblieb bis zum November ein Umsatzverlust zwischen 16 und 17 Prozent. Dagegen nahm der Verkauf von Nahrungsmitteln, von Bau- und Heimwerkerbedarf sowie von Arzneimitteln im Vorjahresvergleich – bei einem schon vorher bestehenden positiven Umsatztrend – während der ersten Lockdown-Phase zu.

Die Wirkungen auf die Beschäftigung in den betroffenen Branchen waren weniger einschneidend. Im Verarbeitenden Gewerbe, Einzelhandel und dem Kfz-Handel gab es nur leichte Veränderungen. In der Gastronomie und der Beherbergung ging die Zahl der Beschäftigten bis zum August deutlicher zurück: um 14 bzw. knapp 11 Prozent. Doch wie auch in anderen Bereichen sank die Beschäftigung weniger stark als der Umsatz dank Kurzarbeit-Programme oder auch dem Abbau von Zeitguthaben.

Bilanz der Hilfsprogramme durchwachsen

Die Experten analysierten auch die Hilfsprogramme des Bundes und von Hamburg und Schleswig-Holstein. Die Bilanz falle insgesamt durchwachsen aus, so das Fazit der Studie. Kritisch beurteilt werden insbesondere die auf Umsatzentwicklung und Fixkosten basierenden Programme, da sie kaum geeignet seien, das Eigenkapital betroffener Betriebe zu stärken. Das gilt aber als entscheidend, um im Grund gesunden Unternehmen den Neustart nach der Krise zu ermöglichen. Auch die lange Aussetzung der Insolvenzantragspflicht sei ökonomisch wenig sinnvoll. Je länger die Insolvenzaussetzung gewährt wird, umso größer werde die Gefahr, dass überschuldete Unternehmen zu Lasten ihrer Gläubiger einen erheblichen Teil ihrer wirtschaftlichen Masse verzehren.